Rhetorik-Zeitreise (2): Am Anfang war die Wirkung

Wirkung ist ein Schlüsselbegriff der Rhetorik-Lehre. In Rhetorik-Coachings zählt oft nur die Wirkung. Doch die Erfolgsgeschichte der Wirkung lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen.

Helena von Troja

Helena von Troja in einer Darstellung von Evelyn de Morga (1898): In der griechischen Mythologie wird sie als schönste Frau der Welt beschrieben. Ihretwegen kam es zum Kampf um Troja. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Rhetorik, Erotik, Wirkung

Ein erster Hinweis auf Wirkung als Kriterium für gute Rhetorik findet sich in der berühmten Helena-Rede des Sophisten Gorgias. Die Schönheit der Helena wird dort über ihre Wirkung auf das männliche Geschlecht geschildert:

„… in sehr vielen [Männern] weckte sie [Helena] sehr heftiges Verlangen nach Eros, und durch ihren einen Körper versammelte sie zahlreich die Körper von Männern, die in großen Dingen Großes auf sich hielten; von denen besaßen die einen bedeutenden Reichtum, andere den Ruhm altadliger Herkunft, wieder andere die schöne Haltung eigener Wehrhaftigkeit und noch andere die schöne Wirkkraft erworbener Weisheit.“1

Autor der erotischen Rede ist Gorgias. Er wirkte im vierten Jahrhundert vor Christus als Rhetorik-Lehrer und gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Sophismus. Zu den wenigen erhaltenen Schriften von Gorgias gehört unter anderem auch der „Lobpreis der Helena“.

Helenas Schicksal

Als Halbgöttin und schönste Frau ihrer Zeit wurde Helena in der griechischen Mythologie veerehrt. Sie ging aus einer Liaison von Göttervater Zeus mit der Leda hervor. In einem Streit der drei Göttinnen Hera, Aphrodite und Athene, wer von ihnen die schönste sei, wurde Helena dem trojanischen Prinzen Paris versprochen. Als Helena sich von Paris einvernehmlich nach Troja entführen ließ, löste sie damit den trojanischen Krieg aus.

Gorgias will Helena von Schuld freisprechen

Gorgias thematisiert in seiner Rede die Gründe, die Helena nach Troja führten. Er verteidigt Helena gegen den Vorwurf, für das Schicksal Trojas verantwortlich zu sein:

„Ich aber will, indem ich mit meiner Rede eine Überlegung biete, die übel Beleumdete von ihrer Schuld entheben, die Tadler jedoch als irrend erweisen, ferner die Wahrheit zeigen und dem Unverstand ein Ende setzen.“2

Um Helena von ihrer Schuld freizusprechen, führt er in seiner Argumentation drei menschliche und drei übermenschliche Gründe an. Die übermenschlichen Gründe weißt er einhellig zurück, da eines Gottes Vorsatz durch menschliche Vorsicht unmöglich zu hindern sei. Entscheidend sind für Gorgias daher die menschlichen Gründe:

„.… oder aber [sie wurde] mit Gewalt geraubt oder mit Reden bekehrt (oder vom Eros gefangen).3

Eine Rede über die Macht der Rede

„Mit Reden bekehrt“: Gorgias setzt sich schwerpunktmäßig mit dem Argument auseinander, Helena sei durch die Macht der Rede zur Reise nach Troja bewegt worden. Was folgt, ist eine Verteidigungsrede, die wie ein Lobpreis auf die Rhetorik klingt:

„Rede ist ein großer Bewirker; mit dem kleinsten und unscheinbarsten Körper vollbringt sie göttlichste Taten: vermag sie doch Schrecken zu stillen, Schmerz zu beheben, Freude einzugeben und Rührung zu mehren.“4

Gorgias spricht der Rede als „Mittel der Bekehrung“ dieselbe Wirkkraft zu, wie Gewalt- oder Gewaltandrohung in einem Menschen vollbringt:

Rede nämlich, die Seelen-bekehrende, zwingt stets die, die sie bekehrt, den Worten zu glauben und den Taten zuzustimmen.“5

Helena: Metapher für Rhetorik

Kunstvoll und wortgewaltig tritt Gorgias für Helena ein. Gleichzeitig gibt er ein Musterbeispiel der Rede- und Überredungskunst der Sophisten. Am Schluss spricht er Helena (und die Rhetorik) von aller Schuld frei:

„Daß sie [Helena] mithin, wenn sie durch Rede bekehrt wurde, kein Unrecht tat, sondern ins Unglück geriet, ist so ausgesprochen.“ 6

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Rhetorik-Trainer Matthias Pöhm: „Nur die Wirkung zählt!“

Die schöne Helena wird in Gorgias Rede zur Metapher für Rhetorik. Das beim reden und vortragen vor Publikum nur die Wirkung zählt, dass wusste auch schon der Sophist Gorgias. Das ist nicht erst eine Erfindung von Rhetoriktrainern ala Matthias Pöhm.

 

 


 

  1. Buchmann, Thomas (Hg.), Gorgias von Leontinoi, Reden, Fragmente und Testimonien. Hamburg 1989, S. 5.
  2. Ebd.
  3. Buchmann, Gorgias, Reden, S. 7.
  4. Buchmann, Gorgias, Reden, S. 9.
  5. Buchmann, Gorgias, Reden, S.11.
  6. Buchmann, Gorgias, Reden, S.13.