Rhetorik-Zeitreise (1): Auf den Spuren der Rhetorik

Rhetorik war in den letzten 2.500 Jahren einem gewaltigen Wandel unterworfen. Die Leitdisziplin der Antike glitt im 19. Jahrhundert ab in die Bedeutungslosigkeit. In einem Seminar an der Universität Erfurt entdecke ich in diesem Semester Rhetorik-Geschichte. Begleiten Sie mich in den kommenden Wochen auf einer spannenden Zeitreise!

Rhetorik: Mehr als nur Stilmittel

Haben Sie noch im Deutschunterricht Texte auf rhetorischen Stilmittel untersucht? Meist verbinden Schüler ausschließlich diese stupide Analyse mit dem Begriff „Rhetorik“. Das sich dahinter aber ein umfassendes Gesamtkonzept von Bildung verbirgt, fällt dabei oft unter den Tisch.

Ein Blick in die Rhetorik-Geschichte …

In der Antike war Rhetorik Leitkunst und Bildungsdisziplin schlechthin; ab dem 18. Jahrhundert verliert sie aber immer mehr an Bedeutung. Auf bloße Stilistik reduziert wird sie im 19. Jahrhundert sogar aus der Universität verdrängt.

„Sophistische Begründung, philosophische Kritik und literarische Praxis der Rhetorik“ lautet der Titel des Seminars an der Universität Erfurt, dass von Prof. Rudolf Helmstetter und Prof. Heinrich Niehues-Pröbsting in diesem Semester geleitet wird. Begleiten Sie mich auf der Reise zu den Usprüngen der Rhetorik! Auf dem Programm stehen Originaltexte der Rhetorik: zum Beispiel Georgias Helena-Rede, Platons Dialog „Gorgias“, Isokrates „Lob des logos„, Auszüge aus der aristotelischen „Rhetorik“  – bis hin zur neuzeitlichen Rezeption der Rhetorik.

Zu jedem der Texte und Themenkomplexe werden auf diesem Blog ein oder mehrere Beiträge veröffentlicht.

Rhetorik – eine Begriffsannäherung

Vorab eine wichtige Differenzierung: Wer sich mit der Geschichte der Rhetorik beschäft, sollte folgende drei Zusammenhänge kennen:

1. Rhetorik ist wirkungsvolles Reden, um Einfluss zu gewinnen

Rhetorik gehört zur menschlichen Grundausstattung. Reden und überreden hat es immer gegeben.

2. Rhetorik als Disziplin ist eine Erfindung der Sophisten

Sophisten wirkten ab dem fünften Jahrhundert vor Christus als rhetorische Wanderlehrer im antiken Griechenland. Zunächst zogen sie von Stadt zu Stadt und unterrichteten die Bürger im öffentlichen reden und argumentieren. Später entstanden erste Rhetorik-Schulen. Rhetorik verstehen die Sophisten als Technik (téchne), die jedermann erlernen kann.

Für die Sophisten ist der Mensch das Maß aller Dinge, objektive Wahrheit gibt es für sie nicht. Daher gibt es auch kein wirkliches Wissen, sondern immer nur Meinung. Für den Sophisten kommt es darauf an, die gute/beste Meinung zu vertreten. Rhetorik wird damit zu einer Disziplin, die sich immer auf den Bereich der unklaren Meinung beschränkt. Dieses instrumentelle Verständnis von Rhetorik wurde vor allem vom Philosophen Platon als relativistisch kritisiert. Er entwarf als Gegenkonzept eine philosophische Rhetorik. Bis heute ist daher Sophismus ein Kampfbegriff. Niemand will wirklich Sophist heißen.

"Die Schule von Athen" - die Darstellung von Raffael zeigt die die beiden griechischen Philosphen Platon und Aristoteles im Disput. Beide haben die Rhetorik- und Geistesgeschichte nachhaltig geprägt.

„Die Schule von Athen“ – das Fresko von Maler Raffael aus dem Jahr 1511 zeigt die die beiden griechischen Philosphen Platon (mittig, rotes Gewand) und Aristoteles (blaues Gewand) im Disput. Beide haben die Rhetorik- und Geistesgeschichte nachhaltig geprägt. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

3. Rhetorik als Theorie ist eine Leistung der Philosophie

Aristoteles ist bis heute der bedeutendste Vertreter der philosophischen Rhetorik. Unter Rhetorik versteht er das Vermögen, „bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenerweckende zu erkennen.“1

Rhetorik-Geschichte als ein Stück Geistesgeschichte – Welche Quellen und Texte helfen, sich diesem Thema anzunähern, erfahren Sie jede Woche ein Stück mehr. Kommen Sie mit auf Rhetorik-Zeitreise!


 

  1. Aristoteles, Rhetorik, München 1995, S. 12.